Was genau ist die Digital Body Language? – Erklärfreitag

Barbara Braehmer
2. September 2016
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Der Digital Change-Wirbelwind, der in der letzten Dekade über uns hinweggefegt ist, kann als chaotisch, unstrukturiert und auch nicht vorhersagbar erscheinen. Aber diese Veränderung hat uns auch neue Möglichkeiten gebracht, wie wir auf ganz andere Weise Informationen über Menschen erhalten: über die sogenannte Digital Body Language. Durch diese Informationen können wir unsere Gesprächspartner besser verstehen, sie sind aussagekräftiger und ergänzen unser Wissen. Und sie versetzen uns sogar in die Lage, zukünftiges, menschliches Verhalten mit größerer Verlässlichkeit und Sicherheit vorhersagen können.

Wie jetzt, die Body Language kann man digitalisieren?

Im Wesentlichen ist die Body Language (englisch für Körpersprache) nichts anderes als non-verbale Kommunikation. Wenn Sie in einem Face-to-Face – Gespräch mit einer anderen Person sind, kann sowohl deren Bewegungen und Mimikveränderungen als Körpersprache definiert werden. Wenn Sie sich nicht direkt und persönlich mit einer Person unterhalten, sondern mit dieser Person per E-Mail, Telefon oder auf eine andere technische oder digitale Art und Weise interagieren, denn kann diese Online- bzw. digitale Interaktion als Digital Body Language definiert werden.

Beispiele für die Digital Body Language 

Die Digital Body Language ist nicht einfach nur das mehr oder weniger gut ausgefüllte Profil,  das wäre viel zu wenig. Sondern zum Beispiel:

  • die Entscheidung, welches Foto auf welchem Profil steht 
  • wie ein Profil ausgefüllt wurde: Sprache, Form, Zahl der Kontakte, Referenzen
  • Unterschied zwischen Profilen in verschiedenen Portalen
  • Anzahl , wie oft ein Email geöffnet wurde, die Zeit, wann und die Klicks
  • Social Interaktionen: Kommentare und Social Media Postings
  • Amazon Bewertungen
  • Wahl der Kommunikationskanäle

Was konkret ist nun die Digital Body Language?

Heute ist man also im People Business in der Lage, detaillierte Einblicke in menschliche Entscheidungsverhalten und die Ziele von speziellen Personen (typen) zu haben.

Denn jeder Mensch, der sich online bewegt, zieht einen – mehr oder weniger sichtbaren – Datenschweif hinter sich her. Dieser Datenschweif wird Digital Body Language genannt.

Marketing und Vertrieb können heute bereits Daten einsetzen und mit ihren Zielgruppen „datengetrieben“ (data-driven) kommunizieren. Amazon nützt dies, in dem Ihnen das angeboten wird, was „Kunden, die kauften auch gekauft haben“. Auch Google blendet Ihnen Werbung aufgrund Ihrer letzten Suchhistorie ein. In Facebook und Twitter berechnet sogar der Algorithmus Ihren „persönlichen“ Newsfeed anhand ihres Online-Verhaltens. Also lesen Algorithmen bereits sehr erfolgreich Digital Body Language von Menschen und setzen dies in Aktionen um.

So hilft die Digital Body Language Kandidaten zu verstehen

Der Digital Change ist extrem veränderungsfreudig und äußerst komplex. Nur noch selten sind Dinge linear – also funktionieren alle unseren bisherigen Ableitungsprinzipien aus der Vergangenheit nicht mehr zuverlässig. Daraus resultiert ein besonderes Problem der heutigen Personalbeschaffung: Man kann das Verhalten von Kandidaten mit nicht digitalen Vorgehensweisen nicht (mehr zuverlässig vorher) berechnen, schon gar nicht mit bisherigen Maßnahmen oder retrospektiven Ableitungen. Heute funktioniert eine Headline Ihrer Anzeige, morgen ist sie plötzlich „out“ und sie erhalten keine Bewerbungen. Und haben sie in diesem Fall keine Trendanalyse durchgeführt, wissen sie nicht warum. Das Zurückschauen wird Ihnen nicht helfen.

Wie kann ich die Digital Body Language in HR nützen?

Amazon weiß, wer ihre Website besucht, Google auch, ebenso Ebay und die meisten großen Social Media Portale. Sie kennen die Suchhistorie der User, und deren Interessen. So manches Mal wird uns als User ganz schummerig, was sie sogar über unsere Email-Kommunikation wissen und plötzlich rechts in der Facebook-Werbung auftaucht. Aber wir in HR wissen nicht, was ein so wichtiger, talentierter Besucher unserer Karrierewebsite oder unserer Anzeige tatsächlich (direkt beim Besuch) interessiert oder warum eine Active Sourcing Nachricht nicht beantwortet wird. Doch sind die Daten vorhanden und ebenso Tools, die es möglich machen, diese zu lesen.

Ein Beispiel:

Hier die typische Kommunikationssituation mit einem fiktiven, potentielle Kandidaten Willi Huber aus der Sicht der Recruiters/Sourcers

 1.05.2016  – XING-Nachricht geschrieben – keine Antwort
14.05.2016  – XING -Nachricht mit Erinnerung geschrieben – keine Antwort
26.05.2016 – Nachricht mit Bitte um Rückruf auf Mailbox hinterlassen – keine Antwort
 6.06.2016 – Nachricht mit erneuter Bitte um Rückruf auf Mailbox hinterlassen – keine Antwort

Üblicherweise würde jeder Active Sourcer nun sagen: Willi Huber ist nicht interessiert und damit als „kalten“ Kontakt betrachten. Aber oft sieht es so aus:

1.05.2016  – Email von XING um 18.14 Uhr mit i-phone geöffnet – auf Karrierewebsite geklickt, sofort verlassen
14.05.2016  – XING -Nachricht direkt 9.35 Uhr in XING-App geöffnet, in Google nach Recruiter Profil gesucht
17.05.2016  – Email von XING um 22.30 Uhr mit Outlook geöffnet – auf Karrierewebsite nach Stellenanzeige gesucht
26.05.2016 – Direkt nochmals auf die Stellenanzeige nach Abhören der Mailbox geklickt, ausgedruckt, Stellenanzeige Freundin gezeigt
27.05.2016 – Intensive Änderung (Verbesserung) des XING Profils, Suche nach ähnlichen Stellenanzeigen in Google und Stepstone
06.06.2016 – Mailboxinfos beim Urlaub in Italien aus Versehen gelöscht

Digital Body Language im Recruiting und Sourcing

Diese Informationen der Digital Body Language sind auch für das Recruiting und Sourcing einsetzbar. Allerdings nur adaptiert, denn Menschen kaufen sich keine Jobs. Ebenso sind Einstellungsentscheidungen von Unternehmen nicht mit Kaufentscheidungen direkt vergleichbar, sie dauern länger als die eines Einkaufs und sind komplexer.

Aus diesem Grund muss ein Recruiter oder Sourcer, der Daten für seine Entscheidung einsetzen möchte, genau wissen, in welchem Stadium sich sein Talent findet und welche Daten er braucht.  Und welche Reaktionsmöglichkeiten er direkt hat, um sein Talent zu gewinnen. Da die meisten Menschen online gehen, um entweder zu kommunizieren und/oder um sich zu informieren, ist dies genau der Punkt, an dem das Lesen und Verstehen der Digital Body Language ansetzt.

In beiden Fällen hinterlassen User Datenspuren – bewußt oder unbewußt. Also gibt es zwei Typen von Informationen, die wir in HR bezüglich der Digital Body Language lesen können:

1. Bewußte Digital Body Language:

  • Wahl eines Fotos,
  • Art und Weise des Ausfüllens eines Profils,
  • Wahl des Kommunikationsmittels,
  • Höflichkeit,
  • Likes,
  • Shares,
  • Kommentare in Social Media

2.  Unbewußte Digital Body Language:

  • Öffnungszeiten von Nachrichten,
  • Scrollen
  • Scroll-Tempo auf Websites,
  • Wortwahl und Begrifflichkeiten
  • Wiederholungen
  • Emotionsausdrücke

Digital Body Language in HR geht nicht ohne Data-Driven Recruiting 

Sie erkennen: Der Entscheidungsprozess von heutigen potentiellen Kandidaten ist genauso wenig linear wie alles im Digital Age. Wenn man vom War for Talent betroffen ist und es sich nicht mehr leisten kann, die besten Kandidaten zu verlieren, sind Information über Interessenten das Gold, das hilft, das Recruiting-Problem zu lösen. Also ist es im Grund nicht wichtig, ob Sie 2 Monate später ein paar KPIs errechnen, wieviele Bewerber sie hatten oder wievielen Sie Active Sourcing Nachrichten geschickt haben. Bei „Data Driven“ geht es im Grunde nicht um retrospektive Kennzahlen, nicht mal um das Erheben und Speichern von Daten von gestern.

Es geht um die Auswertung der aktuellen Information, was Talente wollen und die Möglichkeit, Trends zeitnah zu erkennen, um darauf direkt zu reagieren. Sonst wurden Chancen vergeben. 

Digital Body Language ohne Tools lesen? Geht gar nicht!

Die wichtigsten Informationen der Digital Body Language sind AKTUELLE Daten, die man SOFORT auswertet und ebenso SOFORT UMSETZT. Software und Algorithmen helfen, also digitale Tools. Es gibt Tools, die Ihnen sagen, wann wie und wie häufig Emails geöffnet wurden, (z.B. Yesware oder Hubspot Sales), auf welchem Gerät eine Message gelesen wurde (z.B. Linkedin Message App teilt Ihnen das mit).

Es gibt Softwarelösungen, die Ihnen sagen, wer wann wohin auf Ihre Anzeige geklickt hat und wie oft diese bestimmte Personen aufgerufen hat (Tracking Tools können das wie z.B. Lucky Orange). Und es gibt Analysetools, die Sie informieren, woher ein Besucher kommt,  z.B. wer aus Google auf Ihre Website kam (z.B. können das bestimmte WordPress Plugins, sogar kostenlos).

Fazit:

Es liegt an uns selbst, ob wir diese Informationen lesen (wollen), diese zusammenzuführen und uns anstrengen, sie zu verstehen. Es gibt bereits viele Business Intelligence Tools, die uns dabei helfen können. Ob alles, was diese können, auch in Europa/Deutschland derzeit legal sind, steht auf einem anderen Blatt. Doch anders herum gesprochen: Es verstoßen definitiv nicht alle diese Tools gegen Gesetze oder ethische Regeln!

Es ist an der Zeit, wenn es um Daten geht, nicht mehr direkt aufzuschreien und über das böse Facebook und Google zu jammern, die so datengierig tracken: Wir leben nun im Web 4.0, dem Internet of Things (IoT) und sind auf dem Weg in die Cloud. Die eigentliche Währung heute sind aktuelle Informationen. Und diese bekommen wir nur und können sie nur dann richtig auswerten und richtig darauf reagieren, wenn wir eine Symbiose mit Algorithmen eingehen. Wer das nicht tut, verweigert sich der Digitalisierung und verpasst Chancen, vielleicht sogar seine eigene Zukunft.

HAPPY DIGITAL COMMUNICATION!
2018-04-28T17:51:27+00:00

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