Wenn das Undenkbare passiert und Menschen, deren Leben vorher normal war, in Krisen-Situationen geraten, können die meisten nicht vorhersagen, wie sie selbst reagieren werden. Entgegen der landläufigen Meinung greifen die meisten Menschen jedoch nicht zu irrationalen Hysterien inmitten extrem stressiger Situationen wie Hochwasser-Katastrophen oder  Flugzeugabstürzen, oder auch persönlichen Krisen wie lebensbedrohlichen Krankheiten, wirtschaftlichen Desastern wie Verlust der Lebensgrundlage oder der kriegsbedingten Bedrohung des eigenen Lebens. In diesem ersten Blogartikel möchte ich zuerst einmal eine allgemeine Übersicht geben und auf Beispiele eingehen, wie Menschen Krisen-Situationen meistern.

Die guten Nachricht zur Reaktion auf Krisen-Situationen

Unabhängig vom Szenario zeigen sie tatsächlich einige überraschende unterschiedliche Verhaltensweisen, wie sich einige Menschen durch ihre vorherigen Erfahrung selbst helfen können, während andere sogar durch ihre Verhaltensweise sich selbst und andere zusätzlich in Lebensgefahr bringen. Glücklicherweise sind Menschen nicht unbedingt zum Scheitern verurteilt, selbst wenn Sie zu Gewohnheiten neigen, die in die letztere Kategorie fallen. Experten sagen, dass die meisten Menschen mit ein wenig Aufwand ihre Schwachstellen bestimmen und wissen, wie sie diese im schlimmsten Fall ausgleichen können. Deshalb möchte ich in diesem Blogpost genau darauf aufmerksam machen. So kann jeder zuerst an sich selbst arbeiten und damit anderen helfen und sie auf die passende Weise unterstützen.

Der Unterschied in den Krisen-Situationen

Es gibt Krisen-Situationen, die akut entstehen und kurz dauern wie ein Brand oder Flugzeugabsturz und solche, die lange anhalten wie lebensbedrohliche Krankheiten oder Verlust der Lebensgrundlage. Leider ist es in der Regel so, dass nicht selten mehrere Dinge zusammenkommen wie im Krieg, in dem das Leben bedroht wird oder man Menschen verliert und gleichzeitig häufig auch die Lebensgrundlage entzogen wird. Doch eines ist allen gemeinsam:

Wenn Personen, die in der Krisen-Situation sind, darauf eine Vorbereitung haben, werden in der Regel damit besser umgehen, als diejenigen, der ohne jede Vorbereitung in eine solche Krise hineinkatapultiert werden.

Natürlich gibt es hier Einschränkungen  – ich möchte mit einer Generalisierung einen Überblick geben. Eine Verallgemeinerung darf man nicht auf alle anwenden. Als Individuen fühlen wir ganz unterschiedlich, sind unterschiedlich stark und haben individuelle (Vor-) Geschichten.

Eine psychologische Zusammenfassung der Reaktionsmöglichkeiten in Krisen-Situationen

Das „normale“ Leben eines Menschen ist fast immer sehr linear, man hat sich seine liebgewonnen Routinen oder eben Unarten eingerichtet. Eine Krise reißt einen Menschen aus dieser Situation und versetzt ihn bzw. sie von jetzt auf nachher in eine meist nicht zu begreifende, komplexe andere Situation.

Menschen haben im Grunde 5 Möglichkeiten auf (plötzlich) wachsende Komplexität zu reagieren. Man nennt diese bezogen auf Krisen Überlebensbogen. Diese werden je nach Persönlichkeit nacheinander oder auch in unterschiedlicher Reihenfolge und Dauer durchlaufen – oder man verharrt in einer dieser Phasen:

1.) VERLEUGNUNG ODER ABLEHNUNG

Sie ignorieren die Gefahr und blenden sie einfach aus.

3.) ÜBERLEGEN UND ZÖGERN

Sie versuchen sie zuerst einmal zu verstehen, um die richtige Lösung zu finden – und schieben Entscheidungen auf.

2.) OPERATIVE HEKTIK:

Sie probieren Lösungen aus, ändern die Meinungen und Orientierung.

4.) SIMPLIZIFIEREN:

Sie konzentrieren sich auf einzelne Faktoren der Krisen-Situation – und übersehen Wesentliches.

5.) MUSTERTRANSFER:

Sie bewerten die Krisen-Situation emotional (Emotionale Intelligenz) und suchen nach Bewertungs-und Verhaltensmustern aus ihrer Erfahrung, die sie anwenden können.

Häufige Reaktionen in der Krisen-Situation

Wenn Menschen nicht in Panik geraten – was tun sie dann?  In jeder Katastrophe und Krise bewegen wir uns durch einen sogenannten Überlebensbogen, eine Reihe von Phasen, die Verleugnung, Überlegung und den entscheidenden Moment umfassen. Innerhalb dieser Phasen – die in der Länge variieren und sich sogar wiederholen können – zeigen die Menschen einige häufige Reaktionen.

Beispiele aus der Ablehnungs- bzw. Verleugnungsphase (1) 

Während der Ablehnungsphase (die mit der Entscheidung beginnen kann, ein Haus an einer kritischen Dammstelle zu kaufen und obendrein noch den Abschluss einer Hochwasserversicherung zu vernachlässigen) neigen Menschen dazu, sich langsam zu bewegen. Beispielsweise wird erzählt, dass viele die Überlebenden des Terroranschlags vom 11. September auf das World Trade Center nach dem Einschlag der Gebäude zögern , ihre Büros zu verlassen, um nach persönlichen Gegenständen zu suchen, die sie mitnehmen konnten, bevor sie schließlich zur Treppe gingen.

Psychologen nennen das negative Panik: Es wird angenommen, dass das Verhalten, ähnlich wie Flugzeugabsturzpassagieren ist, die versuchen, ihre Handgepäcktaschen beim Verlassen eines brennenden Flugzeugs mitzunehmen.  Die Menschen erzählen, das sie dies aus Versuch gesehen haben, sich auf das Unbekannte vorzubereiten, und es für Sie wie ein Spiegelbild ihres Wunsches war, das ihnen in der Krise ein Rest-Normalität gab.

Die Überlegensphase in der Krisen-Situation (2)

Man kann diese Überlegungsphase direkt erkennen – die Menschen zögern erkennbar, ihr Gehirn läuft fast Amok in der Lösungssuche: Der Adrenalinausstoß schießt in die Höhe. Sie haben Angst und sie können in Panik geraten, sie verlieren nicht selten die Kontrolle über ihren Körper und können nicht richtige sehen oder erkennen. Entscheidungen werden aufgeschoben (Procrastiation). Plötzlich haben sie möglicherweise Probleme, einfache Aufgaben wie das Anziehen einer Schwimmweste auszuführen oder selbst die Tagesroutine wie Aufstehen fällt Kriegsopfern schwer. Je länger eine solche Phase dauert, um so mehr kann sie pathologisch werden und schnell in ernsthaften Persönlichkeitsproblemen wie Traumata münden.

Symptome wie eine Lähmung tritt auf, die Beine oder Hände gehorchen dem Befehle des Gehirns nicht. Das Gefühl wird häufig von Vergewaltigungs- oder Folteropfern gemeldet. Es traf auch Passagiere der MV Estonia-Fähre, die im Herbst 1994 in der Ostsee versank. Zeugen berichteten, dass einige Menschen nach den ersten Anzeichen von Gefahr bewegungsunfähig wirkten – bewusst, aber unfähig zu reagieren und zu fliehen. Dieses Zögern kann lebensgefährlich werden.

Die operative Hektik in der Krisen-Situation (3)

Wenn Menschen in Krisen-Situationen kommen, versuchen sie sich zu beruhigen, aber verlieren manches Mal die Kontrolle über ihr Tun. Zum Beispiel lachen sie plötzlich unpassend los. Die junge Lady Di brach in hysterisches Gelächter aus als sie die Überlebenden der gekenterten „Harold of Free Enterprise“ sah (1987) und brach danach fast zusammen. Und wir haben es gerade weltweit erlebt: Menschen versuchen sich zu beruhigen, in dem Sie etwas tun, was ihnen gut tut oder sie als Zwischenlösung interpretieren: In Corona-Zeiten ist dies Toilettenpapier, Mehl, Nudeln oder Hygienartikel zu horten. In Kriegssituationen sieht man nach einem Angriff manche Menschen völlig kopflos in der Gegend herum rennen – oder Weinen, Schreien oder andere überbordende Anfälle bekommen. In Hochwasser-Situationen sieht man immer wieder Menschen mit der Schaufel Wasser aus dem Haus zu schaufeln – es ist eine Fluchtsituation und hilft vielen das Adrenalin abzubauen und sich zu beruhigen.

Sich auf Teilausschnitte der Krisen-Situation konzentrieren: Simplizifizieren (4) 

Dies eine sehr gefährliche Taktik in Krisen-Situationen. Wenn man sich auf die nicht wirklich wesentlichen Dinge konzentriert, kann dies zu einem trügerischen Sicherheitsgefühl werden. Es handelt sich hier oft um Egoismus und Arroganz, die auch andere gefährden kann. Die Menschen denken, sie selbst sind nicht betroffen und unverwundbar. Sie sind der Überzeugung, das für sie die Regeln nicht gelten. Trotz aller Warnungen fuhren die Menschen im Hurrikan Katrina mit den überladenen Autos während des Sturmes durch unter Wasser stehende Straßen und blieben liegen – sie behinderten andere, viele starben auf diese Weise, weil jede Rettung zu spät kam.

Aber das muss nicht immer gleich so schlimm sein:  Ein wunderschönes Beispiel erleben wir gerade, wie das „Remote-Arbeiten“ und „Home-Office“ alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und sogar als „Digitalisierung“ gefeiert wird. Dabei gehen auf der einen Seite die Menschen unter, die gar nicht ins Home Office wollen und dort alle Gefühlsstadien durchlaufen von Depressionen bis zu Traumata. Auch die vielen Menschen, deren Arbeitsplatz nicht aus der Produktion oder dem Labor oder anderen technisch basierten Aufgaben ins Home Office verlegt werden kann, finden kaum mehr Gehör.

Das größte Problem des Simplifizierens ist aber, dass besonders (geltungsbedürftige) Experten davon betroffen sind, die in ihrem eigenen Feld Spezialisten sind. Sie meinen mit ihrem Tunnelblick andere Vorgehensweise außerhalb ihrer Kernbereiche mitbeurteilen zu können. In Corona-Zeiten erleben wir das gerade wieder. Ein Beispiel: Überall gibt es nun „Pop-Up Medizin-Experten“, die in der Regel haben keinerlei fundiertes Viren-Knowhow haben. Doch tätigen sie reihenweise Aussagen, die nur noch weiter die Angst der restlichen Welt schüren und werden dabei von genauso geltungsbedüftigen Journalisten unterstützt.

Die Lösung in Krisen-Situationen ist der Mustertransfer (5) 

Zu den Merkmalen, die einer Person helfen, mit einer Krise umzugehen, gehört ein starkes Gefühl des (Selbst)Vertrauens oder die Selbstwirksamkeit. Es hat sich gezeigt, dass Menschen, die ein Gefühl der Kontrolle über ihr Verhalten in ihrem täglichen Leben haben, anstatt zu glauben, dass sie vom Schicksal oder von anderen kontrolliert werden, mit größerer Wahrscheinlichkeit Katastrophen wie der Hurrikan Katrina oder einen Krieg wie den den Jugoslawienkriege in den 1990igern überstehen. Das heißt pragmatische Optimisten schneiden in Krisen tendenziell besser ab als Pessimisten oder einfach nur Pragmatiker. Der Grund ist einfach: Man geht davon aus, dass sie wahrscheinlich einfach die flexibleren Persönlichkeiten haben und sich besser an Veränderungen anpassen können.

Darüberhinaus kann man erkennen, dass Menschen, die eine starke „Emotionale Intelligenz“ (hier mehr) und damit „Resilienz (= seelische Widerstandsfähigkeit“) (hier mehr) entwickelt haben, also bereits Krisen-Situationen durchlebten, wiederum weiteren Krisen oder Katastrophen besser umgehen können. Sie haben für sich bereits Verhaltensmuster entwickelt, wie sie Krisen-Situationen meistern -und können diese übertragen.

Individuelle Faktoren und der soziale Einfluss

Welche Verhaltensweisen wir am Ende zeigen, hängt nur zum Teil von unserer „Nähe“ zu der Krisen-Situation ab. Einige Menschen haben entweder aufgrund einer genetischen Veranlagung oder aufgrund von Umweltfaktoren einfach bessere Bewältigungsfähigkeiten als andere. Dies ist eine sehr komplexe Situation, denn für die einen ist ein Verkehrsunfall zu sehen, eine Trauma und eine Krisen-Situation – und andere gehen sogar aus Kriegen, stark und souverän hervor.  Auf der anderen Seite der Medaille kommen Menschen mit neurotischen Persönlichkeiten oder (bevorstehenden) psychischen Gesundheitsproblemen und Menschen mit begrenzter sozialer Unterstützung nicht so gut mit Stress zurecht, insbesondere mit traumatischer Art.

Doch Krisen-Situationen schaffen auch Helden. Auch wenn dies ihr eigenes Leben gefährden kann, treffen einige Menschen die Entscheidung, anderen zu helfen, wenn eine Katastrophe eintritt. Nehmen wir den Fall von Roger Olian, der 1982 in den eisigen Potomac River gesprungen ist, um gestrandete, verletzte Überlebende eines Flugzeugabsturzes zu retten (hier mehr). Obwohl er die Passagiere nicht retten konnte, sobald er sie erreicht hatte und selbst hätte sterben können, gab er seine Mission nicht auf, bis ein Rettungshubschrauber auftauchte.

How to Cope – was wir aus HR daraus ableiten sollten.

Experten sagen, wenn Sie sich Sorgen darüber machen, wie Sie sich im Katastrophenfall verhalten könnten, steigern Sie die Wahrscheinlichkeit, besser vorbereitet zu sein. Deshalb empfehlen Experten den Menschen, sich mit den verschiedenen Stadien von Katastrophe und Krisen-Situationen vertraut zu machen, einschließlich Bereitschaft, Reaktion, Desaster Recovery und Schadensbegrenzung (siehe oben). Indem sie lernen, worum es geht, können sie ihre Muster entwickeln und austauschen, auf die Sie dann zur Bewältigung zurückgreifen können.

MEIN TIPP
Wenn Sie bewerten, wie Sie in der Vergangenheit mit großen oder kleinen Krisen umgegangen sind, können Sie sogar oft selbst Schwächen lokalisieren und einen Plan aufstellen, um diese zu beheben. Und das Üben kann helfen, sich  – auch im akuten Krisenfall – besser unter Kontrolle zu fühlen. Oder Hilfe an professioneller Stelle zu holen.

Fazit

Letztendlich macht diese Art der Vorbereitung möglicherweise keinen Unterschied zwischen Leben und Tod und ist keine medizinische Unterstützung oder Therapie- sondern ein Ratschlag. Einer der Ihnen helfen kann, sich weniger Sorgen zu machen und etwas besser zu reagieren. Ich bin der Meinung, dass in Bezug auf das weitere Überleben die Menschen, die vorbereitet sind, die gelernt haben, optimistisch zu denken, die psychologische Belastbarkeit aufgebaut haben – diese Menschen sein werden die bessere Chancen haben:

„Durch Wissenschaft und Geschichten von Überlebenden zu lernen oder zu sehen, wie Ihre Katastrophenpersönlichkeit aussehen könnte, verschafft Ihnen einen Vorteil“, sagt Amanda Ripley, eine Reporterin des Time Magazine, die über Heimatschutz und Risiken in Washington, DC, berichtet und Autorin des Buches The Unthinkable: Who Survives When Disaster Strikes – and Why.

 


Dies ist ein Blogartikel zur Blogparade von Stefan Scheller auf Persoblogger.de : Wie HR in der Corona-Krise Staat und Gesellschaft unterstützen kann – #HRvsCoronaKrise 


 

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