Alles wird globaler – auch der Personalmarkt, denn die Digitalisierung verändert und verbessert die Technologien, aber genau darum wird Technologieeinsatz und die Zeit, die man für Prozesse aufwendet ein immer heikleres Thema für Arbeitgeber und Bewerber. Video Interviews gewinnen zunehmend nicht nur an Bedeutung, sondern sie sind ein besonders wirksamer Weg in der Personalauswahl, den Interview-Prozess zu beschleunigen und können richtig gemacht, Bewerber sogar binden und gewinnen.

Das Video Interview ist definitiv nicht gleich wie das persönliche Interview!

Allerdings kann eine Video Interview ein sehr unangenehmer und auch damit unwirksamer Prozess für beide, die Kandidaten und den Recruiter werden. Dies passiert, wenn der Recruiter das Video Interview noch nie durchgeführt hat und damit alle möglichen unbewußten Fehler eintreten. Oder, wie es häufig geschieht, daß dieses andere Medium unterschätzt wird und der Recruiter sich nicht richtig vorbereitet. Weil der denkt: Das ist ja dieselbe Situation wie im realen Leben, in der Fehlannahme, daß das, was er denkt in der Regel nicht vom Kandidaten auch so gesehen wird.

Alles was digital ist, wird komplexer!

Ein Video Interview hat viele Vorteile, nicht nur Zeit und Kosten zu sparen. Dieses Tool in den Recruiting Prozess einzubeziehen, bedeutet (richtig angewendet) eine bessere Candidate Experience. Bewerber können so stärker engagiert bzw. gewonnen werden und einige Video Interview Methoden sind geprüft und hochvalide. Aber die Problematik bleibt: Es ist eine Kamera auf die handelnden Personen gerichtet. Und das verfälscht das Verhalten  – immer. Und sorgt  für ein anderes Wahrnehmungsverhalten.

Video Interviews folgen nicht  einer anderen Logik

Nicht jeder fühlt sich dabei wohl und leider haben viele in den letzten Jahren gelernt, ein besonderes anderes Verhalten an den Tag zu legen, sobald sie für die Nachwelt per Foto oder Video festgehalten werden sollen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Personen  – gerade auch unter Streß – in dieses Verhalten verfallen, wenn ein Objektiv auf sie gerichtet wird.

Welche Video Interview Methoden gibt es?

  • Two-Way Interview (Live): Das Face-to-Face Interview mit direkter Interaktion zwischen den Gesprächspartnern mit Video-Konferenz-Tools wie zum Beispiel Skype, Google Hangouts oder Citrix Go-to-Meeting.
  • One-Way Interviews ( automatisiert und aufgenommenes Video zur Vorauswahl / “Prescreen”): asynchrone bzw. zeitversetzte Video wie zum Beispiel von Viasto, Sonru, video-recruit, eAcru.

Praktische Tipps für das erfolgreiche Face-to-Face Video

Auch das Live-Video Interview unterscheidet sich vom persönlichen Gespräch – es ist problematisch einfach mit dem Knowhow des Interviews online zugehen, ohne sich professionell auf dieses andere Medium vorbereitet zu haben: Videokameras fokusieren schonungslos, das Licht verzerrt, unter Umständen ist Ton oder Bild nicht entsprechend der Qualität, in der man erscheinen möchte, um einen guten Eindruck zu hinterlassen.

Teilweise verbringen die Interviewpartner mehr Zeit mit hektischen Tool-Einstellungen als mit dem Interview selbst. Aber es ist den meisten Recruitern nicht bewußt, dass wir online ein anderes Wahrnehmungsverhalten haben.- Mal völlig unabhängig von dem Fakt, dass einige Menschen sich auch tatsächlich anders verhalten, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist, als sie das ohne Kamera tun würden.

Hier deshalb unsere 20 Tipps entsprechend des Video Interview Prozess für Recruiter:

TEIL 1: VORBEREITUNG

1.) Video Technologie Knowhow

Zwar ist ein Video Interview auch ein Personalauswahl-Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Aber der Bildschirm bzw. die Technologie ist die Brücke zwischen Recruiter und Bewerber – Sie sollten die Technologie also nicht nur kennen, sondern beherrschen und ‚können‘

2.) Durchbrechnung der Individual Distanz

Mental sollten Sie sich vorbereiten, dass Sie subjektiv mit Ihrem Gesicht im Schnitt 30 cm vom Bildschirm und auf der anderen Seite ebenso der Kandidat 30 cm vom Bildschirm weg ist, wenn Sie an Ihrem Arbeitsplatz Interviews vor dem Computer durchführen. Es ist also ein gute Idee mehr Distanz durch eine andere Interviewplatzgestaltung einzubringen.

3.) Objektive und Kameras verändern Wahrnehmung und Verhalten

Üben Sie die Fragen vor der Webcam – vor der Kamera ist alles anders. Deshalb macht es Sinn, auch Ihre Fragen- bzw. Interview-Regie vorzubereiten.

4.) Kandidaten haben keine Übung und unterschätzen die Situation

Dabei werden Sie feststellen: Vor der Kamera ist ein ganz anderes Gefühl und Sie werden anders sprechen ,wenn Sie dies nicht geübt haben. Vergessen Sie also nicht, dass Ihr Kandidat weniger Übung hat und damit dieses komische Gefühl. Bereits Sie Lösungen vor, wie Sie ihm dabei helfen, dass die Situation wie ein normales Interview wird.

VIDEO INTERVIEW DRESSCODE | KLEIDUNG

  • Kameras können erbarmungslos sein, wenn es um das Einfangen von Licht geht. Und damit Sie im wahrsten Sinne des Wortes im besten Licht erscheinen, vermeiden Sie alles Weiße, alles Bunte, wilde Krawattenmuster, überhaupt bevorzugen Sie ruhige Muster in Ihrer Kleidung. Alle hellen, freundlichen Mischtöne eignen sich hervorragend. Rot-Orange Töne spiegeln das Licht besser, als blasses Rosa oder Babygelb.
  • Alles was glänzt, glänzt durch die Kamera doppelt – verzerrt dann aber die Farben und lenkt ab. Deshalb besser auf Glitzerschmuck und Glanzlippen verzichten. Achten Sie auf die Reflektion Ihrer Brille.
  • Beachten Sie bitte, dass eine Störung kommen kann und Sie am Bildschirm aufstehen, ohne diesen auszuschalten. Deshalb sollten sie komplett in einem Stil gekleidet das Interview führen.
  • Für die Damen: Die meisten Makeups sind nicht für Kameras gemacht worden. Da wirkt schnell ein rotblauer Lippenstift lila und ein grauer Lidschatten wird zu schwarzen Augenringen. Sie wirken dann eher komisch als stylisch – ohne es zu wollen und zu wissen.

EINRICHTEN DES INTERVIEW PLATZES

  • Bereiten Sie das Interview rechtzeitig vor – es beweist, dass Sie wertschätzend sind und gibt dem Kandidaten eine bessere Erfahrung im Umgang mit Ihnen. Prüfen Sie die Verbindung und die IT-Systeme – vielleicht gewöhnen Sie sich an, Ihr Mobiltelefon und Telefon stumm zu schalten.
  • Es ist ausgesprochen hilfreich für Anfänger, wenn Sie sich den Bildschirm so einrichten lassen bzw. einrichten, dass Sie nicht nur Ihren Gesprächspartner sehen, sondern auch sich selbst.
  • Positionieren Sie sich so, dass Sie mit Ihrem Gesprächspartner im direkten Blickkontakt sind, also auf Augenhöhe und bequem sitzen. Achten Sie dabei darauf, dass dies kein Selfi werden soll, sondern Ihre Professionalität stärker zum Ausdruck kommt, wenn Sie eine Distanz zur Kamera und damit Ihrem Bewerber haben.
  • Stellen Sie sich, dass Sie alle Hardware wie Notizen, Stift, Wasser und Lesebrille zum Interviewstart zur Hand haben. Denken Sie an die Beleuchtung. Wenn möglich, stellen Sie die Beleuchtung so ein, so dass Sie schmeichelhaft wirken.

KÖRPERSPRACHE

  • Gehen Sie nie direkt mit dem Gesicht an die Kamera zu – Achten Sie auf die Mindestindividualdistanz von 30 cm bei Ihrem Interview
  • Kümmern Sie sich nicht um die Kamera – sondern konzentrieren Sie sich auf diePerson, die mit Ihnen sprechen möchte – Sie werden schnell vergessen, dass die Kamera läuft.
  • Körperhaltung: Setzen Sie sich aufrecht in Richtung der Kamera – halten Sie den Blickkontakt. Wenn Sie im Gespräch mit dem Stuhl zurückrücken oder sich auch nur Zurücklehnen hat das am Bildschirm eine fatale Wirkung und ist nicht mit dem ‚Bequem Machen‘ in einem persönlichen Interview vergleichbar. Es wird ein Gefühl der Distanz zu schaffen. Und es macht Ihren Kopf winzig
  • Ihre Hände und Schultern sollten möglichst ruhig bleiben und ‚Rock-the-Chair‘ oder auch Stiftewirbeln ist in diesem Fall nicht angebracht. Sprechen Sie ruhig, nicht zu laut – aber nicht schnell. Das wird weder der Lautsprecher schaffen, noch Ihr Zuhörer. Laut und hektisch ist eine gefährliche Kombination, da Ihr Inhalt nicht korrekt transportiert wird, aber Ihr Gesprächspartner Sie nicht ständig unterbrechen oder hinterfragen möchte.
  • Proben Sie den richtigen Mix zwischen Professionalität und persönlicher Überzeugung: Zeigen Sie Ihre Energie und Begeisterung. Denken Sie daran, dass die Kamera statisch bleibt. Vergessen Sie nicht, zu lächeln!

VIDEO INTERVIEW NETTIKETTE

  • Achten Sie auf die Übertragungsverzögerung (oft etwa eine halbe Sekunde). Unter Umständen müssen Sie Pausen einplanen, die Ihrem Interviewpartner die Möglichkeit gibt zu antworten oder zu kommentieren.
  • Ein Tipps fürs Antworten (dieser dauert einige Zeit, um sich daran zu gewöhnen): Versuchen Sie, sich anzugewöhnen, etwas zu zögern bevor Sie sprechen.
  • Planen Sie ein, dass – wenn Ihr Gesprächspartner überlegt und nichts sagt – Sie nicht anfangen, Dinge auf Ihrem Tisch zu rücken oder wegsehen. Lächeln und dem Interviewpartner Zeit geben, wäre eine gute Lösung.

Denken Sie daran – die Person auf der anderen Seite der Kamera fühlt sich sowohl aber auch genau so unwohl wie Sie. Denn wenn Sie Fragen, führen Sie, aber dann führen Sie das Video Interview auch in eine gute oder schlechte  Atmosphäre – aber das wissen Sie ja aus den persönlichen Interviews.

Hoffentlich konnten wir Ihnen mit dieser Zusammenstellung weitere Tipps und Hilfen geben. Haben wir etwas Wichtiges vergessen? Bitte ergänzen Sie dies im Kommentar und helfen anderen mit Ihrem Wissen.

HAPPY RECRUITING!

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